Die gesundheitspolitische Strategie des Bundesrats 2020–2030

Ein Überblick

Marianne Roth

https://doi.org/10.30820/2504-5119-2020-2-30

In seiner kürzlich erschienenen gesundheitspolitischen Strategie Gesundheit20301, die eine Aktualisierung und Weiterentwicklung der Strategie2020 darstellt, ortet der Bundesrat vier Herausforderungen:

Die Strategie Gesundheit2030 solle nicht mehr die ganze Breite der gesundheitspolitischen Anliegen abdecken, sondern klare Schwerpunkte setzen, so die Einordnung des Berichts. Die Strategie sollte auch durch Ziele ausserhalb der traditionellen Gesundheitspolitik ergänzt werden, die sich an den «Sustainable Development Goals» (SDG), der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung der UNO, orientieren. Die ehrgeizigen und wohl utopischen SDG sollen bis 2030 von allen UNO-Mitgliedstaaten erreicht werden. Sie umfassen 17 Ziele, wie beispielsweise die Bekämpfung von Hunger und Armut, Menschenrechtsfragen, Natur- und Klimaschutz. Ziel Nummer 3 der SDG will: «Ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern.» Etwas bescheidener kommt die Vision Gesundheit2030 des Bundesrats daher: «Die Menschen in der Schweiz leben unabhängig von ihrem Gesundheitszustand und ihrem sozioökonomischen Status in einem gesundheitsförderlichen Umfeld. Sie profitieren von einem modernen, qualitativ hochwertigen und finanziell tragbaren Gesundheitssystem.»

Heutiger Gesundheitszustand der Schweizer Bevölkerung

Im internationalen Vergleich ist die gesundheitliche Situation der Schweizer Bevölkerung sehr gut. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Frauen beträgt 85,4, die der Männer 81,7 Jahre. Ab dem 70. Lebensjahr steigt allerdings die Wahrscheinlichkeit gesundheitlicher Beeinträch­tigungen und pflegeintensiver Krankheiten. Die steigende Lebenserwartung führt ausserdem zu einer steigenden Zahl an Demenzerkrankungen. Kritisch sieht der Bundesrat das individuelle Gesundheitsverhalten und erwähnt beispielhaft den Tabakkonsum und die starke Zunahme von Menschen mit hohem Übergewicht, die sich jedoch zu stabilisieren scheint.

Als besondere Herausforderung wird die Zunahme der psychischen Erkrankungen genannt sowie das soziale Umfeld der betroffenen Personen. Der Anteil der Personen mit mittelschweren bis schweren Depressionen habe in den letzten Jahren zugenommen und liege bei fast 9 %. Nicht-assistierte Suizide hätten hingegen in den letzten Jahren leicht abgenommen, so der Bericht.

In Bezug auf die Gesundheitsversorgung ist die Tatsache erwähnenswert, dass die Schweiz zu wenig Fachpersonal ausbildet, was zu einem hohen Anteil an Gesundheitspersonal aus dem Ausland führt. Aber auch damit können nicht alle offenen Stellen besetzt werden. Die Sars-Cov-19-Pandemie und die teilweise desolate Situation in Alters- und Pflegeheimen hat uns diesen Tatbestand schmerzlich vor Augen geführt.

Ein spezielles Kapitel behandelt die Gesundheitskosten, die seit vielen Jahren steigend sind. Innerhalb von gut 20 Jahren haben sich die Ausgaben der OKP fast verdreifacht. Dies stellt vor allem für einkommensschwache Haushalte, die keine Prämienverbilligung erhalten, eine schwere Belastung dar. Unbestritten ist die Tatsache, dass die Leistungen des Gesundheitswesens – einer der grössten Wirtschaftszweige der Schweiz – eine wichtige Voraussetzung für die Produktivität der Arbeitnehmenden in allen Branchen darstellen.

Herausforderung 1: Technologischer und digitaler Wandel

Die Digitalisierung schreitet in allen Lebensbereichen unaufhaltsam voran. In der Strategie Gesundheit2030 werden zahlreiche Möglichkeiten aufgezählt, wie der digitale Wandel das Gesundheitswesen beeinflussen könnte. Die Schweiz hinkt aber gerade auf diesem Gebiet stark hinterher. Das Beispiel «Digitales Patientendossier», das seit Jahren in Vorbereitung ist, spricht Bände. Trotzdem ist der Einsatz für die Entwicklung neuer Methoden und Therapien unbestritten. Entscheidungen, die auf Algorithmen und Big Data basieren, finden zunehmend Anwendung auch im Gesundheitssystem.

Für die Psychotherapie wird die Telemedizin oder besser Teletherapie wegweisend sein, die sich in Bezug auf die Vergütung durch die Krankenkassen bis heute in einem Graubereich befindet. Es existieren bereits eine Vielzahl an Apps, die individuelle Therapien anbieten. Ob die Entwicklung zum Wachstum des Bruttoinlandproduktes oder zu steigenden Einkommen bei einem Grossteil der Bevölkerung beitragen wird, wie der Bericht prognostiziert, sei dahingestellt. Längst haben sich die Onlineriesen im «health business» eingenistet.

Herausforderung 2: Demografische und gesellschaftliche Entwicklung

Positive sozioökonomische Verhältnisse, ein gesünderer Lebensstil und Fortschritte im medizinischen Bereich von lebensverlängernden und -erhaltenden Massnahmen lassen die Bevölkerung immer älter werden. Dies führt zu einer Reihe von Begleiterscheinungen, wie beispielsweise steigende Gesundheitskosten und ein erhöhter Bedarf an Pflegepersonal. Dazu steigt die Komplexität an Erkrankungen im Alter und führt häufig zu Multimorbidität, was zusätzliche Spezialisierungen erforderlich macht.

Bei der demografischen und gesellschaftlichen Entwicklung setzt der Bundesrat auf die Langzeitpflege und die Gesunderhaltung der Bevölkerung. Die Pflegebedürftigkeit soll mit Präventivmassnahmen verhindert werden, damit ältere Menschen möglichst lange selbstständig leben können. Der Bundesrat will Finanzierungsanreize schaffen, damit die Leistungserbringer zu einer Modernisierung animiert werden. Damit sollen Angebote bereitgestellt werden, wie intermediäre Strukturen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung oder Palliative Care. Den zweiten Schwerpunkt sieht der Bundesrat in der Stärkung der Gesundheit und Verhütung von Krankheiten, was bereits in jungen Jahren beginnen soll.

Herausforderung 3: Qualitativ hochstehende und finanziell tragbare Versorgung

Die hochstehende Gesundheitsversorgung in der Schweiz ist sehr kostenintensiv und stellt für viele Haushalte eine finanzielle Belastung dar. Der Bundesrat prangert die mangelnde Koordination der Leistungserbringer an sowie falsche Anreize, die unnötige Kosten verursachen würden. Er spricht unverhohlen von einem Überangebot und von Fehlversorgung, erwähnt aber auch die Unterversorgung, gerade bei psychisch kranken Menschen. Die Kritik gilt auch den immer höheren Preisen von Arzneimitteln und Medizinprodukten, die nicht ausreichend gerechtfertigt seien.

Verbesserte Datengrundlagen sollen Über-, Fehl-, und Unterversorgung verhindern. Dazu sieht die Strategie die Vermeidung von Doppelspurigkeiten und eine verbesserte Qualitätssicherung vor. In diesem Abschnitt wird auch bemängelt, dass die Kantone im Gegensatz zum Bund, der das Prämienverbilligungsvolumen um rund 50 % gesteigert habe, nur um 15 % zur Reduktion von Prämien für Personen mit geringem Einkommen beitragen würden.

Herausforderung 4: Chancen auf ein Leben in Gesundheit

Die vierte Herausforderung stellt die Rahmenbedingungen für ein gesundes Leben ins Zentrum. Um eine erhöhte Chancengleichheit im Gesundheitssystem zu erreichen und brachliegende Potenziale auszuschöpfen, müssten alle Politikbereiche einen Beitrag leisten, so die Autoren. Dazu zählen Umwelt, Verkehr, Raumplanung, Wirtschaft, Energie, Lebensmittel und Landwirtschaft, Bildung, Soziales sowie Integration. In Bezug auf die Chancengleichheit heben sie die Tatsache hervor, dass Personen mit einer höheren Bildung auch einen gesünderen Lebensstil pflegten. Den Fokus legt der Bericht jedoch auf die Faktoren Umwelt und Arbeit.

Das Strategiepapier zählt alle erdenklichen Umwelteinflüsse auf, die sich auf den Menschen gesundheitsschädigend auswirken können und bei denen Wissenslücken bestehen, die es zu schliessen gelte. Schliesslich würden alle Menschen von einer Verbesserung der Umwelt profitieren, die gleichzeitig die Chancengleichheit auf ein gesundes Leben erhöhe. Die neuen Arbeitsbedingungen, die durch Digitalisierung, Globalisierung und Modernisierung verändert werden, sieht der Bundesrat als Chance. Durch die Reduktion von Doppelspurigkeiten und vereinfachte Prozesse könnten Arbeitsbedingungen verbessert werden. Die andere Seite der Medaille sind Arbeitsverhältnisse, die sich negativ auf die Gesundheit auswirken können und zu psychosozialen Belastungen führen, wie Stress, Mobbing oder Burnout.

Die Umsetzung

So nachvollziehbar die Strategie Gesundheit2030 ist, so aufwändig ist sie auch strukturiert. Neben den vier Herausforderungen, die wir hier skizziert haben, wurden acht Ziele und 16 Stossrichtungen ausgearbeitet. Dazu kommen die Grundsätze, die sechs Prinzipien enthalten. Für den Bundesrat sind schliesslich drei Kriterien massgebend, die er aus der Vielzahl an Stossrichtungen ausgewählt hat: die Wirkung der Massnahmen, der Zeitpunkt des Eintretens der Wirkungen und die politische Machbarkeit.

Die Erwartung ist, dass den Kantonen eine massgebliche Rolle zur Umsetzung der Strategie zukommt und dass diese konkret mitwirken oder Massnahmen ganz übernehmen. Im Rahmen des Dialogs Nationale Gesundheitspolitik will der Bundesrat die Umsetzung von Gesundheit2030 mit der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren konzipieren und realisieren. Ebenfalls einbezogen werden sollen die wesentlichen Akteure des Gesundheitswesens. Pakete sollen im politischen Prozess so geschnürt werden, dass sie für alle Partner verkraftbar sind.

Marianne Roth ist Geschäftsleiterin der ASP.

Anmerkungen