Interview mit ASP-Mitglied Betty Sacco German

https://doi.org/10.30820/2504-5199-2021-1-31

Wieso haben Sie den Beruf der Psychotherapeutin ergriffen?

Die erste Orientierung war sehr intuitiv und wenig rational. Seit meiner Kindheit hat man mich, im weitesten Sinne des Wortes, als «Mediatorin» dazugerufen, sobald es ein Problem oder einen Konflikt gab. Mein Umfeld, meine Freunde haben sich mir anvertraut und mich nach Rat gefragt. Schon zum Ende meiner Gymnasialzeit dachten meine Freunde, dass ich in den psychologischen Bereich einsteigen würde. Aber es hat eine Weile gedauert, bis ich selbst dazu kam, und die Entwicklung dazu fand statt, als ich in der Schweiz ankam. Irgendwann schließlich war die Entscheidung, Psychotherapeutin zu werden, ganz offensichtlich und naheliegend … aber erst später, nach einem nicht wirklich linearen Werdegang, auf dessen Weg mich viele Puzzleteilchen (Vorlesungen, Erfahrungen etc.) zu diesem Beruf gebracht haben.

Wo kommen Sie her, wohin soll es gehen?

Ich bin gebürtige Italienerin und habe meinen Lebensweg in einer Region zwischen Rom und Neapel begonnen, mein geisteswissenschaftliches Universitätsstudium habe ich in Rom absolviert. In die Schweiz bin ich im Rahmen einer eigentlich dreimonatigen Vertretung als Lehrerin für Italienisch und Latein gekommen, an das Pareto-Institut in Lausanne. Und ich bin geblieben.

Ich habe meinen Weg im Leben gesucht und auch selbst eine Analyse nach Jung begonnen, die mich dazu gebracht hat, Psychotherapeutin zu werden, als ich noch keine 30 Jahre alt war. Studiert habe ich am Jung-Institut in Zürich und Zusatzkurse in Psychologie an der Universität von Lausanne absolviert. Ich bin überzeugte Humanistin. Die sehr klassische Ausbildung, die ich in Italien hatte, und mein Lebensweg haben meine Ausbildung in Psychotherapie bereichert.

Arbeiten Sie freiberuflich oder als Delegierte?

Ich arbeite in Lausanne in einer freien Praxis als selbstständige Therapeutin.

Gehen Sie noch anderen Tätigkeiten nach?

Ich bin Lehrkraft auf Teilzeitbasis in der psychologischen Abteilung der Webster University, einer amerikanischen Universität in Genf, wo ich Geschichte der Psychologie und sozio-kulturelle Grundlagen der psychologischen Beratung unterrichte, außerdem ethische Grundlagen der Psychologie. Und zusätzlich widme ich einen Teil meiner Zeit der Forschung und dem Schreiben. Darüber hinaus bin ich Dozentin am Jung-Institut, wo ich gelegentlich Vorlesungen und Seminare halte. Im Moment beende ich einen Aufsatz über Archetypen und einen weiteren Artikel über Archetypen in der Pandemie.

Ich mag es, diese Aktivitätsgebiete zu haben, die meine Interessen gut widerspiegeln: Therapie, Forschung und Publikation und die Lehre, durch die ich Kontakt mit jungen Geistern halte, was mir viel bringt.

Haben Sie ein Spezialgebiet?

Mein Ansatz ist jungianisch, der dem Symbolischen und Traumhaften viel Platz einräumt, aber ich bin auch humanistischen Ansätzen zugetan, die sich auf Emotionen konzentrieren. Ich integriere diesen emotionalen Aspekt in meine Arbeit, da er gut mit dem Jung’schen Ansatz harmoniert. Ich arbeite hauptsächlich mit Erwachsenen in Einzeltherapie, manchmal mit Paaren.

Sind Sie mit Ihrer Situation zufrieden?

Ich bin sehr zufrieden. Ich liebe, was ich tue. Ich kann mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen.

Würden Sie sich wünschen, dass etwas anders wäre?

Es ist ein Beruf, bei dem man sich nicht auf seinen Abschlüssen ausruhen kann, man muss sich konsequent weiterentwickeln. In diesem Sinne gibt es natürlich immer etwas zu verbessern, zu verändern und zu lernen. Auch, wenn es schon eine gute Basis gibt.

Ich würde mir wünschen, dass der psychotherapeutische Beruf von den öffentlichen Institutionen mehr gewürdigt würde. Trotz der kürzlichen Anerkennung durch die Grundversicherung liegt noch ein weiter Weg vor uns. Das Einflussvermögen, das wir als Psychotherapeut*innen haben, reicht nicht aus, um zum Beispiel bei einem Rechtskonflikt vor Richter*innen zu intervenieren.

Haben Sie einen Wunsch an die ASP?

Dass sie sich weiterhin dafür einsetzt, dass unser Beruf genauso anerkannt wird wie die anderen Berufszweige, mit den Abstufungen und Besonderheiten, die die unterschiedlichen Teilgebiete ausmachen (Psychiater, Psychologe, Psychotherapeut etc.). Ich wünsche mir auch, dass die ASP etwas mehr Präsenz in der Romandie zeigt, wobei ich da schon einen Wandel beobachte. Das ist sehr gut, denn die ASP muss die Pluralität der Schweiz widerspiegeln. Im Bereich der Weiterbildung ist es mir zum Beispiel wichtig, dass alle Sprachregionen der Schweiz berücksichtigt werden, indem endlich auch Angebote in französischer Sprache gemacht werden.

Fühlen Sie sich von der ASP repräsentiert/gewürdigt?

In Bezug auf die Vertretung des Berufsstandes und der Verteidigung meiner Rechte als Psychotherapeutin fühle ich mich repräsentiert. Insgesamt also ja. Und insbesondere fühle ich mich gewürdigt und repräsentiert, wenn Ansätze, die eine symbolische Dimension integrieren, vorgebracht werden und ihren Platz in den Beiträgen finden.

Worauf würden Sie das Augenmerk richten, wenn Sie im Vorstand tätig wären?

Ich sehe mich eher weniger in einer Vorstandsrolle, weil ich solche Positionen nicht mag. Aber wenn ich Teil des Vorstands wäre, würde ich das Augenmerk auf die Integration setzen, im weitesten Sinne des Begriffs (Sprachen, Kulturen, verschiedene Ansätze und Integration in die Gesellschaft). Und auch auf Aktionen, um die breite Öffentlichkeit aufzuklären und zu informieren, zum Beispiel über die Unterschiede zwischen den Berufsgruppen im psychologisch-psychiatrischen Bereich. Was die Mitglieder der ASP angeht, so würde ich wollen, dass alle entsprechend ihren Begabungen und Talenten etwas beitragen.

Wie engagieren Sie sich in der ASP?

Ich könnte zur Arbeit der ASP beitragen, indem ich Artikel schreibe oder auch wie jetzt durch dieses Interview. Möglicherweise auch durch den Austausch, insbesondere in Bezug auf ethische Überlegungen. Aber ich weiss nicht, welchen Platz dies im Rahmen der ASP einnehmen könnte.

Wie beurteilen Sie die Situation der Psychotherapie in der aktuellen Politik?

Für mein Empfinden legt man nicht genug Augenmerk auf die Psychotherapie als Mittel zur Prävention. In dieser Zeit der Pandemie hätte man die Expertise der Psychotherapeut*innen im Voraus nutzen können – auf Bundes-, Kanton- und Lokalebene – und einer gewissen Anzahl aktueller gesundheitlicher Probleme, vor allem bei jungen Menschen, vorbeugen können. Im Allgemeinen glaube ich, dass die aktuellen Forschungsergebnisse aus dem psychologischen Bereich nicht genug Beachtung finden, um mit deren Hilfe die Gesellschaft auf solche Ereignisse entsprechend vorzubereiten, in einer Art präventiver Dynamik.

Was die Psychotherapie als solche betrifft, so möchte ich, dass sie nicht in einem allzu rationalen und mechanischen Ansatz verhaftet bleibt und dadurch vergisst, dass die Psyche kreativ ist.

Welche Sicht haben Sie auf Ihren Alltag?

Im Mittelpunkt meines Alltags steht der Mensch, im Herzen meiner humanistischen Anschauung. Ich glaube ausserdem an gesellschaftliches Engagement. In meinem Alltag versuche ich, Individuen zu helfen, aber kommuniziere auch mit Behörden, mit Gruppen, vor allem durch meine Lehrtätigkeit, Beiträge zu Tagungen und Publikationen.

Betty Sacco German ist bei der ASP gemeldete Psychotherapeutin. Sie arbeitet in Lausanne in freier Praxis und lehrt an der amerikanischen Webster-Universität in Genf. Ausserdem ist sie Dozentin am Jung-Institut und widmet einen Teil ihrer Zeit der Forschung und Publikation. E-Mail: betty.sacco@unil.ch

Das Interview wurde schriftlich und auf Französisch von Sandra Feroleto geführt und wurde hier in Übersetzung abgedruckt.

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