Aberglaube, Esoterik und Verschwörungsmentalität in Zeiten der Pandemie

Peter Schulthess

https://doi.org/10.30820/2504-5199-2021-1-34

Es war und ist offensichtlich, dass, kaum war die Pandemie ausgebrochen, sofort auch Verschwörungstheorien kursierten. Von biologischer Kriegsführung war die Rede, von einem Coup der Pharmaindustrie, Bill Gates etwa galt manchen Verschwörungstheoretiker*innen als Kopf der Verschwörung. Bis heute halten sich diese Verschwörungstheorien, von einer geheimen Mafia ist die Rede, die das Ganze steuere und viel Geld an der Krise verdiene. Die Nachricht, dass die Reichsten dieser Welt ihr Vermögen während der Pandemie deutlich vermehren konnten, während Zigtausende arbeitslos wurden und um ihr wirtschaftliches Überleben kämpfen und bangen, trug das ihre dazu bei, Verschwörungstheorien Auftrieb zu geben. Und natürlich fehlt es nicht an antisemitischen Sichtweisen. Viele Menschen schützen sich nicht und leugnen, dass es die Pandemie überhaupt gibt, oder bleiben trotz aller Statistiken bei der Überzeugung, die Pandemie sei mit einer Grippewille vergleichbar und die Massnahmen zu ihrer Bekämpfung seien völlig übertrieben.

Das Vertrauen in Wissenschaft und Staat ist in weiten Teilen der Bevölkerung erschüttert, was etwa die wiederkehrenden Demonstrationen zeigen. Die Kritik an den staatlichen Institutionen hat verschiedene Ursachen und Stossrichtungen. Einmal sind mittlerweile viele Menschen der nun schon über ein Jahr andauernden Einschränkungen müde und tragen ihren Unmut auf die Strasse. Zum anderen lassen sich jene verlauten, die das Virus leugnen oder Gegner der Impfungen sind und darin bloss einen weiteren Siegeszug der Pharmaindustrie sehen. Weitere sind politisch motiviert. Nicht nur in Deutschland fallen rechtsextreme Stimmungsmacher*innen auf, die die Bewegung der Unzufriedenen nutzen, die Legitimität der staatlichen Institutionen und mit ihr die Demokratie infrage zu stellen.

Dabei tauchen Pandemien in der Geschichte der Zivilisation periodisch immer wieder auf. Manche verlaufen weniger schlimm, manche sehr verheerend. Steven Taylor (2020) hat dies in seinem Buch Die Pandemie als psychologische Herausforderung nachgezeichnet und geschildert, wie immer dieselben Massnahmenstrategien zum Tragen kommen und diese Ereignisse immer von Verschwörungstheorien, Unglaube oder Aberglaube sowie Kritik an Staat und Wissenschaft begleitet werden.

Leipziger Autoritarismus Studie

Kürzlich wurde die Leipziger Autoritarismus Studie (LAS) für 2020 unter dem Titel Autoritäre Dynamiken. Alte Ressentiments – neue Radikalität veröffentlicht (Decker & Brähler, 2020). Sie wird alle zwei Jahre mittels Repräsentativerhebungen durchgeführt und untersucht die Entwicklung rechtsextremer Einstellungen in Deutschland. Die Forschungsgruppe kann (nicht zum ersten Mal) aufzeigen, dass antidemokratische Ressentiments in der Mitte der Gesellschaft verbreitet sind, und nicht etwa bloss an deren Rändern (den Links- oder Rechts-Extremen) in Erscheinung treten. Trotz Aufarbeitung des Nationalsozialismus sind rassistische Ressentiments und antidemokratische Einstellungen in der Mitte der Gesellschaft Deutschlands weiterhin verankert und treten in einer Krisenzeit wie der Pandemie offen zu Tage. Nicht anders in der Schweiz. Die schweizerischen und die deutschen Neonazi-Szenen pflegen Kontakte und sind gut verknüpft.

Ein Kapitel der Leipziger Studie widmet sich dem Thema dieses Artikels (Schliesser et al., 2020) und gibt Auskunft darüber, auf welchem Nährboden Verschwörungstheorien, Aberglaube, Esoterik und Rassismus (oft in Form von Antisemitismus) wachsen:

«Schon seit einigen Jahren fanden sich in mal kleinerer, mal größerer Zahl Menschen zu Demonstrationen ein, die sich selbst als ‹Querfront› begriffen und deren Kitt nicht zuletzt eine Verschwörungsmentalität war. Seitdem konnte sich die Bewegung in Form von ‹Montagsmahnwachen› zumindest in Teilen institutionalisieren. Auf diesem Weg bot sie eine Plattform für die Vernetzung von Menschen, deren Gesellschaftsvorstellung stark anti-liberale und autoritäre Züge annahm und antisemitische Ressentiments einschloss […]. Als sich zu Beginn der COVID-19-Pandemie zunächst nur wenige kritische Stimmen meldeten oder Gehör verschaffen konnten, konnte diese Protestbewegung von den bestehenden Organisationsformen genauso profitieren, wie vom Bedürfnis der Menschen nach Kontrolle und überschaubaren Erklärungen» (ebd., S. 283).

Aufgrund der Befragungen kamen die Autor*innen zu folgenden Erkenntnissen:

«Sowohl abergläubische als auch esoterische Ansichten sind in der Bevölkerung weit verbreitet: 13,9 % der Befragten stimmen den Aussagen zum Glauben an Glücksbringer, Wahrsagerei, Wunderheiler und Astrologie zu, 52,4 % sind der Ansicht, dass die gegenwärtigen Krisen ein neues Zeitalter ankündigen, und 52,2 % bejahen das esoterische Motiv über eine Natur, die die Menschen mit den gegenwärtigen Krisen ermahne. Die Werte zur Verschwörungsmentalität sind noch beeindruckender, denn gleich 66,2 % stimmen den Items zu: 20,4 % haben eine stark ausgeprägte, 45,8 % eine latente Bereitschaft, in der Welt Verschwörungen wahrzunehmen. […] Die Verschwörungsmentalität ist jedoch signifikant häufiger unter Menschen ohne Abitur (24,0 % im Vergleich zu 12,3 % bei denen mit Abitur) und bei jenen mit geringem Einkommen: So ist sie bei einem Viertel der Befragten mit einem monatlichen Einkommen unter 1.000 Euro zu finden. […] Die Altersgruppe der über 64-Jährigen hat die niedrigsten Werte in Bezug auf Aberglauben (8,1 %) und Verschwörungsmentalität (15,4 %)» (ebd., S. 288f.).

Conspirituality

Im Konzept der «Conspirituality» werden Verschwörungsmentalität, Esoterik und Aberglaube zusammengenommen als Formen, die bei der gleichen Person auftreten können. Verschwörungs- und Esoterik-Milieus teilen ein «Narrativ, das Angst, Überforderung und Ohnmacht bindet und dem (regressiven) Wunsch Raum gibt, in einer als kontrollierbar empfundenen Welt oder einem versöhnten (Ur-)Zustand mit der Natur zu leben» (ebd., S. 295).

«Ein weiteres Bedürfnis, das Verschwörungsmentalität und Aberglaube erfüllen können, ist die Kompensation von narzisstischen Kränkungen, die von Erfahrungen der Ohnmacht und der Handlungsunfähigkeit provoziert werden. Die Möglichkeit zur narzisstischen Befriedigung zählt sowohl für Menschen mit Verschwörungsmentalität als auch für jene mit esoterischem Aberglauben: Das Selbstbild, Trägerin oder Träger von Wissen über geheime Verschwörungen und Machtsysteme zu sein, und das Gefühl, Zugang zum Schicksal oder zu einer göttlichen Natur zu haben, ermöglichen es, sich selbst gewissermaßen als Teil einer Elite zu verstehen, die – im Gegensatz zu den ‹schlafenden› Massen – ‹erwacht› sei. So wird die Kränkung, die in einer kapitalistischen Vergesellschaftung regelmäßig produziert wird, in der narzisstischen Überhöhung der eigenen Gruppe der ‹Erwachten› oder ‹Wissenden› abgefedert. In Opposition zu Wissenschaft und ‹Mainstream›-Öffentlichkeit nähern sich beide jedoch dem ‹Feind›, indem sie dessen Formsprache aufgreifen. So bemühen sich die Anhänger und Anhängerinnen beider Strömungen häufig um einen pseudowissenschaftlichen Stil mit vielen Zitaten oder Rekursen auf (quanten)physikalische ‹Beweise› spiritueller Phänomene» (ebd., S. 295f.).

Aufgrund statistischer Auswertungen mit Madiationsanalysen kamen die Autor*innen zum Schluss, dass «das Verhältnis zwischen je fehlender Anerkennung, politischer Deprivation sowie negativer Einschätzung der wirtschaftlichen Lage und Rechtsextremismus durch je Verschwörungsmentalität bzw. Aberglauben partiell vermittelt wird» (ebd., S. 297).

Fazit

In ihrem Fazit halten die Autor*innen fest: «Ob Menschen, die unter gesellschaftlicher, politischer oder wirtschaftlicher Deprivation leiden, zum Rechtsextremismus tendieren, hängt maßgeblich damit zusammen, inwieweit sie ihre Probleme projektiv, das heißt mit der Ausbildung einer Verschwörungsmentalität oder von Aberglauben bearbeiten. Aberglaube hat dabei im Vergleich den schwächeren Einfluss. Er ist nicht mit politischer Selbstverortung im links-rechts-Spektrum, mit Parteipräferenz, mit Rechtsextremismus und mit konkreten Verschwörungen assoziiert, die Verschwörungsmentalität allerdings schon. Trifft esoterischer Aberglauben in Arenen wie den Protesten gegen COVID-19-Maßnahmen auf Verschwörungsmentalität, besteht die Gefahr, dass das geteilte Unbehagen regressiv und autoritär bearbeitet und eine ‹Querfront› gebildet wird. Die geteilten Grundüberzeugungen ‹Nichts passiert durch Zufall›, ‹Nichts ist wie es scheint› und ‹Alles ist miteinander verbunden› könnten dann politisch aufgeladen und im Sinne von antidemokratischen, rechtsextremen oder antisemitischen Deutungsmustern interpretiert werden. Die Rebellion gegen COVID-19-Maßnahmen wäre dann keine demokratische, widerständige oder antiautoritäre, sondern lediglich eine pseudoantiautoritäre Rebellion» (ebd., S. 305).

Die LAS liefert wichtige Einsichten zum Auftreten von Verschwörungstheorien, esoterischen Erklärungen und Aberglauben während der aktuellen Pandemie. Sie liefert auch Erkenntnisse, wer zu solchen Theorien neigt und wie verbreitet sie sind.

Basler Studie

Eine Schweizer Studie an der Universität Basel untersuchte das Phänomen von Verschwörungstheorien ebenfalls (Kuhn et al., 2021; Zander-Schellenberg & Kuhn, 2021). Sie kamen aufgrund einer Online-Befragung zu folgenden Resultaten:

«Im Durchschnitt stimmten knapp 10 Prozent aller Befragten einer Verschwörungsaussage stark, weitere 20 Prozent wenig oder mässig und ungefähr 70 Prozent gar nicht zu. Diese Verteilung war sowohl innerhalb der schweizerischen Befragtengruppe als auch der deutschen Befragtengruppe festzustellen. Den grössten Anklang fanden Aussagen, die nahelegten, dass das Virus menschengemacht oder die offizielle Erklärung zu der Ursache des Virus anzuzweifeln sei.

Teilnehmende, die den präsentierten Aussagen stärker zustimmten, waren im Durchschnitt jünger, gestresster und berichteten über mehr Paranoia-ähnliche Erfahrungen (zum Beispiel ‹Fremde und Freunde schauen mich kritisch an›). Sie wiesen ausserdem eine politisch extremere Haltung sowie ein geringeres Bildungsniveau auf. Die Zustimmungswerte unterschieden sich nicht zwischen Geschlechtern.

Das Studienteam fand zudem Hinweise darauf, dass mit der Zustimmung zu Verschwörungstheorien Besonderheiten in Denkprozessen einhergingen. Teilnehmende, die Verschwörungsaussagen zum Coronavirus für plausibel hielten, trafen Schlussfolgerungen vorschneller und unter grösserer Unsicherheit als Teilnehmende, die diese Aussagen für weniger plausibel hielten. Informationen, die ihre Meinung widerlegten, schenkten sie zudem weniger Beachtung.

In einer vertieften statistischen Analyse fanden die Forscherinnern und Forscher ausserdem, dass der Zusammenhang zwischen Verschwörungstheorien und Denkverzerrungen nicht so linear sein könnte, wie oft angenommen. Hierbei zeigte sich, dass es in der Gruppe der Teilnehmenden, die Verschwörungstheorien stark befürworteten, einige Personen gab, die sogar weniger Denkverzerrungen aufwiesen als jene, die Verschwörungstheorien eher abgeneigt waren. So zog diese Gruppe der Befragten beispielsweise Schlussfolgerungen eher vorsichtig und adaptiv» (Zander & Kuhn, 2021, o. S.).

Auch diese Studie erhellt wichtige Aspekte zum Auftreten von Verschwörungstheorien, die für Psychotherapeut*innen in deren Behandlungspraxis von Bedeutung sein können.

Literatur

Decker, O. & Brähler, E. (Hrsg.). (2020). Autoritäre Dynamiken. Alte Ressentiments – neu Radikalität. Leipziger Autoritarismus Studie 2020. Gießen: Psychosozial-Verlag.

Kuhn, S. A. K., Lieb, R., Freeman, D., Andreou, C. & Zander-Schellenberg, T. (2021). Coronavirus conspiracy beliefs in the German-speaking general population: endorsement rates and links to reasoning biases and paranoia. Psychological Medicine, (March), o. S. https://doi.org/10.1017/S0033291721001124

Schliesser, C., Hellweg, N. & Decker, O. (2020). Aberglaube, Esoterik und Verschwörungsmentalität in Zeiten der Pandemie. In O. Decker & E. Brähler (Hrsg.), Autoritäre Dynamiken. Alte Ressentiments – neu Radikalität. Leipziger Autoritarismus Studie 2020 (S. 283–308). Gießen: PsychosozialVerlag.

Taylor, S. (2020). Die Pandemie als psychologische Herausforderung. Ansätze für ein psychosoziales Krisenmanagement. Gießen: Psychosozial-Verlag.

Zander-Schellenberg, T. & Kuhn, S. A. K. (2021). Verschwörungstheorien und Denkverzerrungen in der Covid-19-Pandemie. https://www.unibas.ch/de/Aktuell/News/Uni-Research/Verschwoerungstheorien-und-Denkverzerrungen-in-der-Covid-19-Pandemie.html (12.04.2021).

Peter Schulthess ist Vorstandsmitglied der ASP.

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